Und es hat ZOOM gemacht: Nachlese zur Werkstattlesung mit Sebastian Domke

Und es hat ZOOM gemacht: Nachlese zur Werkstattlesung mit Sebastian Domke

10.09.2020, 19:00 Uhr. Sebastian Domke ist da, die Technik steht. Premiere. Die erste Online-Werkstattlesung – jeder kopf tickt anders! Von Wiesbaden und Siegen über Frankfurt…in die ganze Welt. Wir öffnen das Wartezimmer und lassen ein in das virtuelle Wohnzimmer von SOUL LALA. Es macht ZOOM. Mit akademischem Viertel.

Jochen Grzybek stellt die Werkgemeinschaft vor, die Lesereihe, die Werkstatt 23 und dann… we proudly present: Sebastian Domke. Aus Siegen. Von Siegen aus. Auf jeden Fall hinein in die weite Welt. Virtuell eben. Und schon sind wir mitten im Geschehen.
Sebastian Domke, der Tintenkünstler, liest aus seinem unveröffentlichten Roman:

„Der kühne Traum des Milo S. Harper“.

Wir finden uns im Jahr 2246 wieder, in einem Appartement in der Mauerstadt. Hier lebt Milo.
Die Mauerstadt ist ein Ort, an dem psychisch kranke Menschen isoliert von der Gesellschaft leben, damit sie deren Ordnung nicht gefährden. Milo wird aus dem Schlaf gerissen, er wird aufgeweckt durch eine Stimme aus dem Off oder war es doch ein implantierter Chip? Gleichwohl sein Tagwerk wird minutiös strukturiert und überwacht.

Aufstehen, Körperhygiene, Frühstück, Medikamenteneinnahme… der straffe Morgenappell befördert ihn in den Alltag. Milo gönnt sich ein Mü an Subversion, ein Mü Musik seiner Wahl, auch wenn diese kleine Eigenheit registriert wird und ihm zum Nachteil gereichen könnte.

Kaum aufgestanden, fahren wir mit Milo auf dem Rad zur Fabrik, denn der Mensch soll beschäftigt sein. Teilhabe am Leben der Gesellschaft! Welche Gesellschaft? Milo vermisst Tom, den Freund und Gefährten, der so oft seine Gedanken gerettet hatte, bevor…

Plötzlich taucht Viola auf, eine Stimme aus einem Fenster, rebellisch, hinterfragend und bringt ihn ins Wanken. Er stürzt in den Matsch. Ein Schwarm Schmetterlinge fliegt ein in Kopf und Bauch. Er kommt zu spät zur Arbeit. Das ist noch nie passiert. Noch nie.

Und eigentlich kann dieser Verstoß nicht folgenlos bleiben. Wir alle warten darauf, dass der sympathiefreie Aufseher -oder klingt Supervisor nicht etwas wohlwollender – seinen Punkt macht und Milo an der Stelle packt, an der es trotz guter medikamentöser Einstellung wehtun kann: Bespitzelt er Viola, deren rebellische Eltern sich in den Untergrund verzogen haben, soll er die Gelegenheit bekommen seine eigenen Eltern endlich kennen zu lernen. Seine eigenen Eltern, denen er nach seiner Geburt entzogen wurde, weil er schizoaffektiv ist. Welch eine Gelegenheit! Ein perfides Angebot!

…Kaum auszudenken, dass bis zu diesem Punkt nur ein paar Stunden vom Aufstehen ab vergangen sind.

Der Titel des Romans „Der kühne Traum des Milo S. Harper“ ist nicht aus der Luft gegriffen, denn wir alle erfahren in dieser Stunde, die im Nu vergangen ist, dass Milo wagemutig ist und sich trotz all der Spielformen der Überwachung die Freiheit der Gedanken bewahrt. Vielleicht sogar darüber hinauswächst. Brennende Fragen.

Sebastian Domke hat uns in Atem gehalten. Wie sein Roman enden wird? Da sind wir ebenso gespannt wie der Autor, der sich schreibend selbst hilft und den Roman als Prozess seines eigenen Schaffens begreift. Diese besondere Schreibreise bleibt bewegt und wir sind neugierig, wohin sie Milo und Sebastian führen wird. Auf jeden Fall hat Sebastian Domke seine Berufung gefunden, finden wir. Tintenkünstler. Wir erwarten ein Wiedersehen mit ihm live und in Farbe – hoffentlich bald.

 


Der ursprüngliche Artikel ist auf der Website der Werkgemeinschaft e.V. erschienen.