Tinte – mein flüssiger Therapeut

Tinte – mein flüssiger Therapeut

Pausenzeit.

Weit aufgerissene Augen starren mich an. Ich drehe mich zur Seite, um zu meinem Sitzplatz nahe dem Lehrerpult zurückzukehren. Aber sie lassen mich nicht. Sie umringen mich. Mir begegnen starre, eisige Blicke.

„Lasst mich hier raus! Bitte!“, flehe ich. Schweigend rücken sie näher an mich heran. Ich versuche durch eine Lücke den Kreis zu durchbrechen – aber sie schubsen mich zurück.

„Was soll das?“, rufe ich, der Hysterie nah. Wieder keine Antwort. Niemand verzieht eine Miene. Ich möchte weinen, aber den Triumph gönne ich ihnen nicht. Ich will stark sein. Irgendwann wird es vorübergehen.

Das ist eine Situation aus meiner Schulzeit, die sich mir eingebrannt hat. Es gibt hunderte weitere Schreckenserlebnisse wie dieses. Noch heute wundere ich mich, dass ich nicht an ihnen zerbrochen bin.

Rückblickend verstehe ich, warum ich gemobbt wurde: Ich war in mich gekehrt, sensibel und verletzbar – und somit das perfekte Opfer für Kinder, die sich in Gruppen profilieren wollten, indem sie Außenseiter wie mich demütigten.

Ich schämte mich, verschloss mich gegenüber der Außenwelt und schwieg über die Vorfälle. Auch über meine Fantasien, Träume und Visionen hüllte ich den Mantel des Schweigens – und doch gab es eine Instanz, die Anteil nahm, eine stärkende Schulter, von der niemand wusste:

Mein Tagebuch. Aber auch darin schrieb ich nicht über meinen Schmerz. Dazu war ich nicht bereit. Vielmehr tat ich so, als gäbe es all die Gehässigkeiten nicht, die tagein, tagaus auf mich einprasselten. Und ich glaube, dass es richtig war, die inneren Widerständen ernstzunehmen und meine Sicht weg vom Abgrund auf die sonnigen Momente des Lebens zu richten. Und es waren insbesondere jene Kameraschwenks, die aus dem Schattenjungen, der ich einmal gewesen war, einen Sonnenjungen machten.

Wenn ich dachte oder redete, glich das einem Flüstern, aber wenn ich schrieb, war meine Stimme kraftvoll, dann tat sich mir eine unsichtbare Welt auf, die mich mit meinem Kern verband, eine Welt, in der ich frei war, eine Welt, in der die giftigen Wortfesseln, die mich sonst einschränken, nicht existierten.

So entdeckte ich die heilende Kraft des Schreibens.

Um diese Erfahrung zu machen, müsst ihr keine Rechtschreibung und Grammatik beherrschen, ihr müsst nicht gut Aufsätze schreiben können, es ist auch nicht wichtig, was andere bisher über eure Texte gesagt haben.

Tief in jedem von uns steckt ein Poet, und jeder, der will, darf ihn befreien. Auf dieser Entdeckungsreise gibt es kein „Richtig” und kein „Falsch“, wie, über was und in welchem Rhythmus ihr schreiben solltet. Das dürft ihr ganz alleine herausfinden – und ich bin mir sicher: Wenn ihr euch schreibend liebevoll den Gedanken, Spinnereien und Erlebnissen zuwendet, die euch glücklich machen, wird euer Leben bunter!

 


Sebastian Domke ist Schriftsteller und kreativer Kopf mit eigener Website unter http://tintenkuenstler.de. Außerdem findet ihr ihn auf Facebook, Instagram und YouTube. Über seine Erfahrungen und Gedanken schreibt er regelmäßig im Blog von SOUL LALA.