Laufend ausgefragt – „Plan B ist mindestens genauso gut“

Laufend ausgefragt – „Plan B ist mindestens genauso gut“

Ein Spaziergang mit Autor Sebastian Domke in Siegen

„Ich wollte mich eigentlich gar nicht auf das Gespräch vorbereiten und ganz spontan reagieren. Jetzt habe ich mir aber doch ein paar mögliche Antworten überlegt“, sagt Sebastian grinsend, als wir zum Anstieg zum oberen Schloss in Siegen ansetzen und wir müssen beide lachen. Vorher waren wir in Sebastians Lieblingskaffee in der Oberstadt, wo wir bei sonnigem Wetter auf der Terrasse gesessen und über die Bücher gesprochen haben, die wir gerade lesen. Sebastian liest viel – zu seinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Stephen King, Karl Ove Knausgard, Michael Ende und J. K. Rowling.

Seit ein paar Jahren schreibt er selbst. Es sind vor allem Kurzgeschichten und Artikel auf seinem Blog Tintenkünstler zu Themen, die ihn bewegen. Über den Eigenverlag vertreibt er seine Bücher und ist als Referent für kreatives Schreiben tätig. Derzeit wagt er sich an ein größeres Projekt – eine dystopische Science-Fiction-Geschichte. Auch für SOUL LALA hat er bereits einige Beiträge verfasst: Was ist normal? Ist es nicht manchmal gut, verrückt zu sein? Wie gehen wir menschlich und respektvoll miteinander um? Diese Fragestellungen hat Sebastian auf die heitere und positive Art beantwortet, die ihn als Person ausmachen.

Kennengelernt haben Sebastian und ich uns vor ein paar Jahren, als er mir eine längere Mail zum Thema „Inklusion“ geschrieben hatte. Ich arbeitete damals noch nicht lange beim Dachverband Gemeindepsychiatrie und fand Sebastians Perspektiven spannend, seine Offenheit als Betroffener einer seelischen Erkrankung bewundernswert. Nachdem er zweimal an akuter paranoider Schizophrenie erkrankt war und aus der Bahn geworfen wurde, hat ihm das Schreiben von Geschichten und das Vorlesen vor einem interessierten Publikum dabei geholfen, zu sich zu finden, Selbstvertrauen zurück zu gewinnen und endlich das zu tun, was sein Herz ihm sagt.

Er schloss seine Mail mit folgenden Worten: „Warum ich Ihnen all das schreibe? Genau das, was ich tue, ist meine persönliche Interpretation von Inklusion. Kunst kann die Schranken zwischen psychisch Erkrankten und der Gesamtgesellschaft überwinden. Egal ob Literatur, Musik, Malerei – kreatives Schaffen bietet die Möglichkeit, Barrieren zwischen den Menschen abzubauen, miteinander ins Gespräch zu kommen und Anerkennung für das zu erfahren, was man schafft.“ Irgendwann sind wir dann vom „Sie“ zum „Du“ gewechselt und haben beschlossen, im Rahmen von SOUL LALA weiter zusammenzuarbeiten.

Im blühenden Siegener Schlossgarten mit Blick über Stadt und Umland angekommen machen wir es uns auf einer Bank bequem.

Sebastian, was verbindest du mit Siegen?

Ich mag die Stadt. Im Jahr 2000 bin ich hierhin gekommen und fing hier an, Wirtschaftsinformatik zu studieren. Nach dem Abbruch des Studiums und einer medizinischen Reha habe ich mir hier ein neues Leben aufgebaut.

Über dein neues, kreatives Leben haben wir schon oft gesprochen, aber wenig über deine vorausgegangen Krisen. Wie war das damals, als die Psychosen anfingen?

Das erste Mal hatte ich mit 19 Jahren plötzlich außergewöhnliche Wahrnehmungen. Das klingt jetzt alles sehr seltsam: Ich dachte, die Mafia und der Bundesnachrichtendienst wären hinter mir her. Ich habe aus Wortfetzen, die ich irgendwo in Gesprächen bei anderen Menschen aufgeschnappt habe, die wildesten Sachen abgeleitet. Waffenschmuggel, Geheimdienstintrigen und noch viel mehr. Ich hatte Halluzinationen und Wahnzustände, die ich aber in dieser Zeit für völlig real gehalten habe. Dementsprechend bin ich dann auch zur Polizei gegangen, um sie über die Vorgänge aufzuklären. Immerhin fühlte ich mich ja, als wäre ich zur Aufdeckung dieser Dinge auserkoren worden, weil ich so besonders begabt war. In dieser Zeit verweigerte ich jede medizinische Behandlung. Ich hatte Glück, dass die Symptome zurückgingen und mein Denken wieder klar wurde.

Aber dabei ist es nicht geblieben?

Das stimmt. In 2001 ging es mir wieder schlechter. Damals habe ich in einem Schnellrestaurant gejobbt und hatte das Gefühl, dass mein Chef hinter meinem Rücken intrigiert. Aber das war noch harmlos im Vergleich dazu, was dann passierte. Ich hatte Urlaub und saß vor dem Fernseher, als am 11. September die Flugzeuge ins World Trade Center in New York krachten. Von da an bildete sich eine Vorstellung in meinem Kopf: Osama bin Laden hatte mich als Terrorhelfer ausgebildet und ich war mitverantwortlich für die Anschläge und den darauf folgenden Krieg in Afghanistan. Es gab also nur eine Chance für mich: ich musste telepathisch gegen bin Laden kämpfen. Aber es wurde immer krasser. Außerirdische spielten eine Rolle. Und einmal schaute ich in den Spiegel und sah dort nicht mich selbst, sondern ein gespaltenes Gesicht – zur einen Hälfte Jesus und zur anderen Hitler. Wieder auf der Arbeit stand ich dann eines Tages wie versteinert hinterm Tresen. Laut dem Arztbericht habe ich da wohl so etwas gemurmelt wie „Ich mache mir so einige Gedanken.“ Dann war ich für dreieinhalb Monate auf der geschlossenen Station.

Das klingt wirklich krass. Kannst du beschreiben, wie sich das anfühlt, wenn so etwas mit deinem Verstand passiert?

Für mich war das fürchterlich. Ich lebte in einer totalen Endzeitstimmung. Mein ganzes Denken und Fühlen war von Panik ausgefüllt. Ich lebte in ständiger Angst, festgenommen und gefoltert zu werden. So etwas zu erleben, wünscht man niemandem. Aber mein Innenleben war wechselhaft. Ich erlebte ebenso Phasen, in denen ich mich allmächtig und überglücklich fühlte. Das alles war für mich ebenso wirklich wie für dich das Gespräch, das du gerade mit mir führst.

Wie hast du die Psychiatrie erlebt?

In mir herrschte ein Ausnahmezustand. Ich stand total neben mir und brauchte Hilfe. Ich wurde menschenwürdig behandelt, sowohl von Ärzten und Pflegern. Die Psychiatrie, die ich kennengelernt habe, entsprach nicht dem Klischee von Zwangsjacken und Gummizellen, und auch nicht dem Film „Einer flog übers Kuckucksnest“. Man hat mir dort geholfen, solange ich es brauchte.

Wie geht es dir heute?

Die Psychose habe ich – auch dank Medikamenten – in den Griff bekommen. Der Wahn gehört der Vergangenheit an. Viel folgenreicher ist aber oft die sogenannte Negativ-Symptomatik. Diese drückt sich durch Antriebsverlust, Erschöpfung und Depressionen aus. Diese beinträchtigen Betroffene viel länger und sind schwieriger zu behandeln. Glücklicherweise sind die Negativ-Symptome bei mir nicht so stark ausgeprägt, mein Leben ist nicht komplett von ihnen bestimmt und einschränkt. Es schwankt oft stark. In fitten Phasen kann ich viel leisten und sehr produktiv sein.

Weil ich in meiner Belastbarkeit eingeschränkt bin, bin ich frühverrentet und erhalte eine Erwerbsminderungsrente. Ich habe eine Zeit lang eine Tagestätte besucht und dort eine Selbsthilfegruppe gegründet. Das hat mir sehr geholfen und mir gezeigt, welches Potential in anderen psychisch erkrankten Menschen und mir steckt.

Machst du im Alltag die Erfahrung von mangelndem Verständnis oder Diskriminierungen?

Die Schwierigkeiten, die ich habe, kann man nicht sehen. Deswegen ist klar, dass Leute meine Einschränkungen nicht verstehen. Ich mache deshalb aber niemandem einen Vorwurf. Immerhin wird mittlerweile über Burn-Out und Depressionen gesprochen und informiert. Bei der Aufklärung über die Schizophrenie und Psychosen gibt es noch Luft nach oben, hier ist das Wissen in der Bevölkerung noch sehr gering. Diskriminierungen habe ich wenig erlebt, das liegt zum einen sicher daran, dass ich anderen gegenüber freundlich und selbstbewusst auftrete und man eben nicht sieht, was mit mir nicht stimmen könnte. Zum anderen habe ich mir über die Jahre ein sehr tolerantes und verständnisvolles Umfeld mit Familie und Freunden aufgebaut. Dies ist meiner Meinung nach ein sehr wichtiger, gesundheitsfördernder Faktor und ein Baustein für die persönliche Entwicklung.

Haben wir ein Problem mit Schubladendenken über psychisch Erkrankte?

Das gibt es auf jeden Fall. Ich finde einerseits, dass Diagnosen wichtig sind. Zu wissen, was in meinem Kopf vorgeht, was biologisch passiert und welche therapeutischen und medikamentösen Mittel entgegenwirken können, habe ich als hilfreich empfunden. Man sollte die Diagnose-Brille aber nicht ständig aufhaben, nicht als Außenstehender und auch nicht als Betroffener. Man darf sich und andere nicht über die Erkrankung definieren, sondern muss die wunderbaren Menschen dahinter erkennen. Auch schwer Erkrankte haben Stärken. Diese gilt es zu fördern. Leider wird immer noch oft, gerade auch durch die Medien, das Bild von psychisch erkrankten Menschen als „gemeingefährliche Irren“ transportiert, sei es im Journalismus oder in Filmen und Serien. Hierdurch werden viele Vorurteile bedient und gefestigt.

Manchmal, wenn wir uns unterhalten, sprühst du nur so vor Ideen für neue Geschichten und andere Projekte, die du planst. Welche Stärken sind es, die dich im Leben voranbringen?

Ich denke, dass sind vor allem Empathie, Kreativität und der Wille, Neues zu Lernen. Ich kann mich ganz gut einfühlen, bin tolerant und nicht nachtragend. Und ich glaube, ich kann ganz gut mit Sprache umgehen. Das zusammen fließt dann in mein kreatives Schreiben ein. Die Autorentätigkeit gibt mir Kraft und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Bei langen Spaziergängen, zum Beispiel an der Sieg oder hier am Schlossgarten kann ich abschalten und auftanken. Häufig kommen mir dabei die besten Ideen.

Und was würdest du als deine Schwächen ansehen und wie gehst du mit ihnen um?

Manchmal gehen die Gefühle mit mir durch. Wie du schon sagtest: Wenn ich von etwas begeistert bin, dann sprühe ich förmlich und rede schon mal ausschweifend davon. In Situationen, die geladen sind, reagiere ich manchmal sehr emotional. Andererseits bin ich oft energielos und manchmal nicht in der Lage, rauszugehen oder die Wohnung aufzuräumen. Dann schaffe ich es nur ein oder zwei Stunden am Tag wirklich aktiv sein. Glücklicherweise habe ich auch technische Mittel gefunden, die mich unterstützen. Um Texte aufzuzeichnen, benutze ich gelegentlich eine Spracherkennungs-Software. So habe ich quasi den Luxus einer persönlichen Schreibkraft. Es ist erstaunlich, wie gut das heutzutage funktioniert. Das Leben mit der Erkrankung und der ständige Wille, ein normales und positives Leben zu führen ist eine Gratwanderung zwischen Eigenverantwortung und Einschränkung. Ich reflektiere mich selbst und versuche, mich besser kennen und verstehen zu lernen. Dabei hilft mir das Schreiben sehr.

Vielleicht lesen andere Betroffene das und fragen sich, wie man das macht – Schriftsteller werden. Hast du Tipps?

Im Grunde war es für mich einfaches „Learning by Doing“. Man muss einfach anfangen und mit der Zeit wird man besser. Ich glaube, dass jeder Mensch kreativ ist. Manche müssen ihre Phantasie noch befreien, zu Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, Zugang zu ihr zu finden. Ich finde, dass jeder Mensch, der mit Freude schreibt, sich als Schriftsteller bezeichnen darf. Selbst, wenn man nur für sich schreibt, ist das ebenso wertvoll und ebenso in Ordnung wie Romane und Geschichten zu veröffentlichen.

Es gibt viele Schreibübungen, die helfen können. Zum Beispiel einfach ungeordnet aufschreiben, was einem in den Sinn kommt. Sogenanntes „Free Writing“ – eine Methode, bei der man sich selbst besser kennenlernt. Man könnte z. B. auch einen Brief vom alten Ich aus der Zukunft an das eigene Ich aus der Gegenwart schreiben. Ein Rollentausch kann dabei helfen, sich selbst aus einer anderen und weiseren Perspektive zu betrachten. Auf meiner Website schreibe ich viel darüber und nenne dort auch Links und Buchempfehlungen.

In gewisser Weise therapierst du dich also selbst über das Schreiben, wenn ich das richtig verstehe. Gleichzeitig ist es eine Art Meditation – du gehst in dich und hörst auf dein Inneres.

Viele Menschen nehmen sich doch heute zu wenig Zeit, um sich mal wirklich mit sich selbst zu beschäftigen und die Wahrheit über ihre Gedanken, Wünsche und Werte zu erkennen. Meist ist man abgelenkt in unserer schnelllebigen Zeit, von der Informationsflut die uns ständig umgibt: Fernsehen, PC, Smartphone. Man erfährt so ganz viel über andere und anderes, aber nichts über sich selbst.

Da wären wir bei einem weiteren Thema: Du hast eine eigene Website, einen YouTube-Kanal und bist viel auf Instagram und Facebook unterwegs. Wie nimmst du die Digitalisierung unseres Alltags wahr, eher als Chance oder auch als Gefahr?

Zunächst mal ist es toll, wie einfach man sich mit anderen vernetzen, Gleichgesinnte finden und sich austauschen kann. Es gibt auch so viel Expertenwissen, das man online finden und teilen kann. So habe ich z.B. viel über das Schreiben im Selbststudium gelernt. Wahre Freundschaften findet man im Internet eher selten. Wobei ich in dem Punkt auch wunderbare Erfahrungen gemacht habe.

Social Media ist natürlich großartig, um sich auszudrücken und Aufmerksamkeit zu erhalten. Das kann aber auch umschlagen, das habe ich selbst gemerkt. Man muss aufpassen, dass man sein Selbstwertgefühl nicht über die Zahl der Likes und Follower definiert. Ich habe hier eine Balance für mich gefunden, kann mir aber vorstellen, dass sich viele junge Leute in dieser Scheinwelt verlieren und süchtig werden. Ich habe für mich klar gemacht, dass ich nichts zum Selbstzweck oder zur Freude des Facebook-Algorithmus posten will, sondern um das auszudrücken, was mich wirklich bewegt.

Du hast viele Höhen und Tiefen in deiner Biografie erlebt. Was hast du aus diesen Erfahrungen mitgenommen, was du anderen Menschen in seelischen Ausnahmezuständen mit auf den Weg nehmen kannst?

Ich hatte damals nach der Schule sehr großen Stress damit, ins Berufsleben zu starten. Ich musste was leisten, musste vorankommen. Da habe ich mich unter Druck gesetzt und war frustriert, als ich nicht die Leistung abrufen konnte, die ich selbst und mein Umfeld von mir erwartet haben. Mein Selbstwertgefühl war daran gekoppelt. Eine schwere Erkrankung ist dann natürlich der Super-GAU. Heute, viele Jahre später, blicke ich mit Gelassenheit darauf zurück. Das Leben hat mir gezeigt: Selbst im „Worst Case“-Szenario gibt es die Chance, sich selbst zu finden und seine Wünsche zu erkennen – wenn man zur Ruhe kommt. Man muss sich selbst lieben, „Ja!“ zum eigenen Schicksal sagen und das Glück nicht von äußeren Faktoren abhängig machen. Man muss wissen, welche Werte einem wichtig sind, wo die eigenen Stärken liegen und kreativ mit dem Leben umgehen. Wenn Plan A nicht klappt, dann ist Plan B mindestens genauso gut!

Lieber Sebastian, vielen Dank für das Gespräch!

(Fotos: Peter Heuchemer)

 


Laufend ausgefragt ist das Interviewformat von SOUL LALA. Hier treffen wir regelmäßig interessante Persönlichkeiten mit Krisenerfahrung zu einem Spaziergang und sprechen über das, was sie belastet, was sie bewegt und was sie stark macht.

Sebastian Domke ist Schriftsteller und kreativer Kopf mit eigener Website unter http://tintenkuenstler.de. Außerdem findet ihr ihn auf Facebook, Instagram und YouTube. Über seine Erfahrungen und Gedanken schreibt er regelmäßig im Blog von SOUL LALA.

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