“Für viele ist es unvereinbar, dass ich kompetent wirke und trotzdem sehr zu kämpfen habe.”

“Für viele ist es unvereinbar, dass ich kompetent wirke und trotzdem sehr zu kämpfen habe.”

Wir haben Felicitas am Rheinufer in Köln getroffen und über Akzeptanz und den Umgang mit psychischen Erkrankungen auf Instagram und im echten Leben gesprochen. Wie kann der gesellschaftliche Umgang mit diesem Thema normalisiert werden und was kann das Umfeld tun? Ein Spaziergang bei Sonne.

Anja: Wo sind wir hier?

Felicitas: Wir sind am Rheinufer zwischen Kölner Dom und Mülheimer Brücke. Das ist für mich ein kleines grünes Herz mitten in Köln zum Spazieren oder einfach nur ‚sein‘.

A: Hast du ein Ritual, das du hier immer machst?

F: Ich schaue den Schiffen zu und dem Rhein, wie er fließt. Das bringt mich immer gut runter.

A: Wir kennen uns erst seit ein paar Tagen – genauer gesagt über deinen Instagram-Account felicitas.carla, auf dem du über deinen Alltag mit der psychischen Erkrankung erzählst. Wie bist du auf die Idee gekommen, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen?

F: Ich hatte das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Lange hatte ich versucht, die Erkrankung auszublenden, doch schon seit Kindheitstagen kämpfe ich mit Hypersensibilität und Depression. Diese machen es mir im Alltag oft schwer, weil ich auf kleine Dinge sehr emotional reagiere. Schon immer habe ich versucht, entgegen meiner psychischen Themen, ein sogenanntes „normales“ Leben zu führen. Das zu tun, was der Großteil der Gesellschaft tut – Schule – Studium – Arbeit. Das funktioniert jedoch in dieser Form nicht für mich und ich möchte mein Leben anders gestalten. Ich denke eine Motivation mit dem Instagram-Blog zu starten war, dass dieser „andere“ Anteil von mir gesehen werden will.

 

A: Wie ist das in deinem Umfeld angekommen?

F: Mein nahes Umfeld, Freunde und Familie hatten es sowieso mitbekommen oder hatten eine Idee von meiner Erkrankung. Meinem Arbeitgeber habe ich das aber immer verschwiegen und meinen leistungsfähigen Anteil präsentiert. Grundsätzlich ist mein Eindruck ist, dass der Blog ganz gut angenommen wird. Für viele sind meine Stärken und Kompetenzen, die ich habe, nicht vereinbar mit der Tatsache, dass ich auch eine psychische Erkrankung habe. Da gibt es oft überraschte oder ein wenig verständnislose Reaktionen wie: „Aber du siehst doch so fit aus, bist so kreativ und sozial kompetent.“ Für viele ist das unvereinbar, dass eine kompetent wirkende Person auch sehr zu kämpfen hat.

Ich erlebe jetzt in meinem Umfeld, dass viele durch meine Offenheit und die Erzählungen von meiner Erkrankung beginnen, von ihren eigenen Problemen zu erzählen.

A: In den letzten Jahren gibt es immer mehr Betroffene, die auch öffentlich von ihrem Alltag mit der Erkrankung erzählen. Wie erlebst du die Instagram-Community?

F: Viele der, meist jungen Frauen auf Instagram benutzen Pseudonyme und haben keine öffentlichen Profile. Die Angst vor Stigmata ist also schon noch groß und gleichzeitig gibt es ein großes Bedürfnis sich auszutauschen und mitzuteilen. Ich hatte in der Community auch vom Treffen mit dir von der Redaktion von SOUL LALA erzählt und hatte wirklich den Eindruck, dass sich alle freuen. Endlich arbeitet jemand daran arbeiten, dass die Stigmatisierung aufhört.

A: Vielleicht müssen wir die Dinge nur oft genug wiederholen, um sie zu normalisieren?

F: Der Mensch gewöhnt sich an alles. Er würde sich auch daran gewöhnen, wenn Depression, Magersucht und Borderline alltägliche Themen wären und der Umgang ähnlich normalisiert wäre wie der Umgang mit einer Grippe. Das ist natürlich eigentlich nicht vergleichbar, weil die Heilungsprozesse einer Depression viel komplexer und langwieriger sind, als einer Grippe. Die regelmäßige Auseinandersetzung, das Sprechen darüber und das Sichtbarmachen von Themen rund um psychische Erkrankungen verringert auf jeden Fall die Hemmungen im Umgang damit.

A: An welchen Orten der Gesellschaft sollte noch mehr Präsenz für diese Themen geschaffen werden?

F: An Arbeitsplätzen auf jeden Fall, weil man gerade im Arbeitsumfeld funktionieren und seine Leistung bedingungslos abrufen soll. Am Arbeitsplatz hängen Existenzängste mit dran. Viele müssen Kinder versorgen, ein Haus oder Auto abbezahlen und so besteht eine große Abhängigkeit vom Einkommen. In solch einer Situation ist die Angst viel größer, Schwäche zu zeigen. Eine psychische Erkrankung bedeutet nicht, dass man nicht leistungsfähig ist, sondern dass man einfach andere Rahmenbedingungen benötigt.

A: Welche Rahmenbedingungen wären das für dich?

F: Ich habe einen eher undankbaren Beruf, was das angeht, da ich Bäckerin bin. Die Arbeitszeiten sind in meinem Fall eher belastend. Da wäre es toll, wenn es flexiblere Arbeitszeitenmodelle gibt. Ich arbeite zum Beispiel 50% im Bäckerberuf. Wenn der Arbeitgeber auf diese Besonderheiten eingeht, ohne zu urteilen, dann ist das super. Unter guten Arbeitsbedingungen bin ich enorm leistungsfähig und habe große Freude an meiner Arbeit.

A: Welche Reaktionen auf deine psychische Erkrankung würdest du dir von deinem Arbeitgeber wünschen?

F: Es gibt keine dummen Fragen und ich kann total gut verstehen, wenn andere sich den Alltag von psychisch Erkrankten gar nicht vorstellen können. Ich finde interessierte Nachfragen völlig in Ordnung. Wir haben nur unsere eigene Wahrnehmung und es ist schwierig sich in andere hineinzuversetzen. Ein gesundes Interesse würde ich mir wünschen, keine Angst oder Scheu vor der Kommunikation und ein konstruktives Mitgefühl. Von meinem Arbeitgeber wünsche ich mir, dass er die Situation und Erkrankung annimmt und wir den Arbeitsalltag gemeinsam gestalten, so dass es für beide funktioniert. Mir ist es wichtig, dass vereinbarte Arbeitszeiten eingehalten werden, keine Überstunden verlangt werden und ich Verantwortung nicht alleine trage. Der Arbeitgeber hat ein Interesse, meine Arbeitskraft zu nutzen und ich hab ein Interesse, diese in seinen Dienst zu stellen. Ich wünsche mir Urteilsfreiheit und Akzeptanz dafür, dass ich andere Rahmenbedingungen brauche.

A: Welche Reaktion auf deine psychische Erkrankung würdest du dir von deinem näheren Umfeld wünschen?

F: Meine Tante hat verständnislos reagiert. Bei mir kam so ein bisschen an, dass ich mich doch zusammenreißen soll. Da fühle ich mich aber nicht so ernst genommen. Ich würde mir wünschen, ernst genommen zu werden. Die Entscheidung für einen Klinikaufenthalt ist kein Luxusproblem, sondern eine Notwendigkeit und ich wünsche mir, dass das respektiert wird.

A: Gerade in der älteren Generation herrscht teilweise noch ein sehr veraltetes Bild von Therapie und auch psychischen Erkrankungen vor. In unserer Elterngeneration werden und wurden psychische Erkrankungen sogar innerhalb der Familie totgeschwiegen, verheimlicht und somit absolut tabuisiert.

F: Meine Familie ist eigentlich geprägt von psychischen Erkrankungen, aber da wurde nie richtig darüber geredet. Sonntags bei Kaffee und Kuchen hätte man da auch mal drüber reden können, wer gerade mal wieder in der Klinik war aber das wurde eben nicht gemacht.

A: Was hat dir geholfen bei deiner Genesung?

F: Ich stecke noch mitten in der Genesung, da ich spät angefangen habe, mir Hilfe zu holen. Psychotherapie hat mir sehr geholfen, mein soziales Umfeld hat mir sehr geholfen. Ich habe das Glück, dass meine Freunde sehr viel Akzeptanz dem ganzen entgegenbringen und das hat mir auch sehr geholfen. Meine Partnerschaft hat mir sehr geholfen. Aufgrund seiner eigenen Erkrankung hat mein Freund großes Verständnis. Er nimmt mich ernst und nimmt mich an so wie ich bin. Das hilft mir ungemein dabei, mich auch selbst anzunehmen und nicht so sehr dagegen zu kämpfen. Meine Freunde und Familie spiegeln mir immer wieder meine Fähigkeiten und das stärkt mein Selbstwertgefühl.

A: Ist dein Instagram-Blog auch eine Aktivität, die dich empowert?

F: Ja, auf jeden Fall! Über die Auseinandersetzung damit, über das Feedback und auch unseren Kontakt habe ich sehr viel Mut schöpfen können das Thema noch öffentlicher zu machen. Dabei geht es mir gar nicht explizit darum, meine Erkrankung oder meinen persönlichen Fall nach außen zu tragen, sondern es geht mir darum, dass darüber gesprochen wird. Ich möchte allen Beteiligen Mut machen, nachzufragen, davon zu erzählen, sich auszutauschen und das die Beschäftigung mit psychischen Erkrankungen damit gesellschaftsfähig zu machen. Das liegt mir am Herzen. Ich bin sehr froh, dass ich dem Impuls, darüber zu sprechen gefolgt. Jetzt fällt es mir viel leichter, darüber zu sprechen. Ich möchte allen mitgeben, den Mut zu haben, darüber zu reden.

Vielen Dank für den schönen Spaziergang und das offene Gespräch!

 

Fotos: Anja Plonka