„Endlich zurück im Sattel“ – Beitrag aus der Psychosozialen Umschau über unsere Kooperation mit der MUT-TOUR

„Endlich zurück im Sattel“ – Beitrag aus der Psychosozialen Umschau über unsere Kooperation mit der MUT-TOUR

Die MUT-TOUR geht mit Tandemteams auf die Reise durch Deutschland. Das Projekt SOUL LALA begleitete sie auf der Etappe von Bonn nach Dormagen.

»Für mich ist Sport der wichtigste Faktor im Leben, um stabil zu bleiben«, berichtet Alex Jeanne. Die 33-Jährige, die mit ihrem Sportfahrrad am Fähranleger in Bonn wartet, ist von einer Borderlinestörung betroffen und hat über die Jahre herausgefunden, dass ihr Joggen, Fitnessstudio und eben auch das Radfahren helfen, hohe Anspannungsmomente zu regulieren, die die Erkrankung ausmachen. Jeanne ist wie viele andere an diesem sonnigen Sonntagmorgen im August der gemeinsamen Einladung der Projekte SOUL LALA und der MUT-TOUR gefolgt, um Menschen kennenzulernen, gemeinsam Rad zu fahren und um Aufmerksamkeit für das Thema seelische Gesundheit zu schaffen. Direkt an der Rheinpromenade stehen bereits die Pavillons mit Infoständen und rund dreißig gut motivierte und erwartungsfrohe Menschen, die gemeinsam eine Radtour machen und sich dabei für die Entstigmatisierung von Depressionen und anderen seelischen Erkrankungen engagieren wollen.

Dem Event am 1. August ging mehr als ein Jahr Arbeit voraus. Bereits Anfang 2020 vereinbarten SOUL LALA und die MUT-TOUR, gemeinsam etwas zu unternehmen. SOUL LALA, das Inklusionsprojekt des Dachverbands Gemeindepsychiatrie für junge Menschen zum Thema seelische Gesundheit, setzt neben einer Onlinekampagne vor allem auf Präsenzveranstaltungen in seinen sechs Projektregionen. Im Rahmen der MUT-TOUR bewegen sich jedes Jahr hunderte Menschen mit und ohne Depressionserfahrung, vor allem auf Tandemfahrrädern, durch ganz Deutschland und setzten sich öffentlichkeitswirksam dafür ein, dass psychische Krankheiten keine Tabuthemen bleiben. Dann kam im Frühjahr 2020 Corona dazwischen. In beiden Projekten mussten durch die Pandemiebeschränkungen viele Veranstaltungstermine verschoben werden – inklusive der gemeinsamen Aktion.

Nun freuen sich alle, dass aufgrund steigender Impfquoten, sinkender Inzidenzzahlen und mit den Erfahrungen aus dem letzten Jahr endlich wieder gefahren werden kann. Zufrieden ist auch Sebastian Burger. Er hat die MUT-TOUR im Jahr 2012 ins Leben gerufen und leitet sein Team, bestehend aus vier Tandems, auf der Etappe von Bonn nach Kassel. Natürlich ist Corona auch an diesem Tag ein Thema. »Als Projekt der Selbsthilfe und der Gesundheitsförderung müssen und wollen wir vor allem an die Gesundheit unserer Teilnehmenden bzw. der Mitmenschen denken, die mit uns im Zuge der MUT-TOUR-Etappen des Sommers in Kontakt kommen«, erklärt Burger. Bedingt durch den Projektfokus der psychischen Gesundheit sieht er allerdings auch den Aspekt der Hysterie und Panik, die ihrerseits keinen positiven Einfluss auf unser Immunsystem und die Gesundheit hat. »Es gilt also, zwischen Notwendigkeit einer angedachten Maßnahme und dem damit verbundenen Risiko abzuwägen.« Deshalb gilt: Alle Teilnehmenden sind geimpft, genesen oder getestet – und an der frischen Luft ist das Risiko glücklicherweise ohnehin ein geringeres.

Endlich wieder etwas gemeinsam unternehmen

Langsam finden sich immer mehr Menschen an der Promenade ein. Einige sind durch die im Vorfeld verteilten Flyer oder die Infos in den sozialen Medien auf die Veranstaltung aufmerksam geworden und spontan vorbeigekommen, um sich zu informieren oder sogar mitzuradeln. In den Gesprächen wird eines deutlich: Alle sind glücklich darüber, nach den Monaten der Corona-Beschränkungen endlich wieder rausgehen zu können, um Menschen zu treffen, die frische Luft zu genießen und etwas gemeinsam zu unternehmen. Alex Jeanne filmt unterdessen kurze Videos für ihren Instagram-Kanal, auf dem die Psychologiestudentin sich für das Thema seelische Gesundheit einsetzt. Ihr Ziel ist es, als Erfahrungsexpertin einer jungen Zielgruppe genau die Informationen zu liefern, die sie mit 14 Jahren so dringend gebraucht hätte, als sie bereits an der Borderlinestörung litt, diese aber noch nicht diagnostiziert war. Heute will sie anderen Betroffenen durch ihr Vorbild Hoffnung geben. Nachdem sie 2018 selbst sehr positive Erfahrungen mit Sport während eines 14-wöchigen Klinikaufenthalts gemacht hatte, hat sich ihre Überzeugung, wie gut Sport für die Seele ist, noch weiter verfestigt. »Bereits als Kind wusste ich instinktiv, wie die Bewegung meinen Stress reduziert. Heute kann ich sie bewusst als ›Skill‹ einsetzen. « Um anderen zu helfen, arbeitet sie als Mental Health Speakerin und Moderatorin, unter anderem in ihrem eigenen Podcast.

Neben den nebeneinander aufgereihten Tandems und dem Stand von SOUL LALA haben noch zwei weitere Partnerorganisationen ihre Pavillons aufgebaut, die an diesem Tag ebenfalls auf sich selbst und für die gemeinsame gute Sache aufmerksam machen: Die Selbsthilfekontaktstelle des Paritätischen in Bonn sowie der Kreisverband Bonn/Rhein-Sieg des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Für letzteren ist Martin Emmler teil des Organisationsteams. Der erfahrene und ortskundige Radfahrer begleitet die MUT-TOUR bereits seit vielen Jahren, wenn diese im Rheinland unterwegs ist – und arbeitet mit Sebastian Burger und seinem Team die passenden Routen aus, die gleichzeitig herausfordernd, aber dennoch für alle Mitfahrenden schaffbar sein sollen.

Eine sportliche und menschliche Reise

Auch an diesem Tag fährt Emmler voran, als sich der Treck aus Fahrrädern und Tandems in Richtung Norden entlang des Rheins in Bewegung setzt. Damit auch die Schaulustigen wissen, wer hier warum unterwegs ist, hängen Schilder der MUT-TOUR mit Aufschriften wie »Depression ist behandelbar «, an Körben, Lenkern und Fahrradtaschen. Sebastian Burger erklärt: »Die Etappe unseres Tandemteams führt uns von Bonn nach Kassel, das ist in siebeneinhalb Tagen gut zu schaffen. Heute fahren wir über Köln bis nach Dormagen, wo wir bei Privatleuten unsere Zelte aufschlagen können.« Diesen Sommer bewegt sich die MUT-TOUR vom 17.07. bis 18.09. mit insgesamt acht Tandemteams und zwei Wanderteams mit Pferdebegleitung durch Deutschland. Darüber hinaus gibt es immer wieder Mitfahraktionen wie die an diesem Sonntag, bei denen einzelne Gruppen für eine Etappe oder Teiletappe mitfahren und die Teilnehmenden der MUT-TOUR und ihr Anliegen unterstützen können. Als die Gruppe nördlich von Köln ihr Tempo gefunden hat, gehen die Gespräche weiter. Man merkt: In der Gemeinschaft und in Bewegung ist es deutlich leichter, sich über Depressionen und andere seelische Probleme auszutauschen.

Dietmar aus Duisburg ist seit 2017 Teilnehmer der MUT-TOUR. Er fährt auf einem der Tandems und berichtet, wie der Tag am Ende einer Tagestour abläuft. »Wir fahren in der Regel an unseren Zielort und klingeln dort spontan bei Menschen. Wir fragen sie, ob sie im Garten Platz haben, damit wir dort unsere Zelte aufbauen können.« Dies funktioniere in aller Regel – und auch während der Corona-Zeit habe die Gastfreundschaft der Menschen nicht nachgelassen. Als Alex Jeanne das hört, ist sie begeistert und gibt zu: »Das finde ich supermutig, dass ihr das macht. So auf Fremde zuzugehen, kostet ja auch viel Überwindung.« Der Kontakt zwischen Teilnehmenden und Gastgebern ist meist etwas ganz Besonderes. Nicht selten kommt es abends zu langen Gesprächen. Viele Menschen sind dankbar dafür, dass Sebastian Burger und sein Team so offen mit dem Thema seelische Gesundheit umgehen – und damit auch so manchem Gesprächspartner die Angst nehmen, über eigene seelische Probleme oder die von Angehörigen zu sprechen. Die Teilnehmenden bringen durch ihre eigenen Erfahrungen viel Sensibilität für das Thema und Empathie für die Menschen mit. Sie können in den Kontakten ihr Expertenwissen einbringen, anderen vielleicht sogar helfen – und gewinnen dadurch an Selbstvertrauen.

Die Tour aus der Sicht des Bewegungstherapeuten

Moritz Hillenbrand ist Sport- und Bewegungstherapeut an der psychiatrischen Klinik der Uniklinik Köln. Er war 2016 im Rahmen seines Studiums über eine Dozentin auf die MUT-TOUR aufmerksam geworden und fand das Projekt genial. Seitdem ist er immer wieder dabei. »Das Projekt wirkt auf mehreren Ebenen«, erklärt der 34-Jährige. »Zum einen ist dort die nachgewiesenermaßen positive Wirkung von Bewegung und Natur, die dabei hilft, Menschen mental ausgeglichener zu machen und Stress abzubauen.« Gleichzeitig biete die Tour aber auch viel soziale Interaktion, die nicht minder wichtig ist. »Gerade für Menschen mit Depressionen ist es oft wichtig, den Tagesablauf zu strukturieren: Die Etappen planen, das Zelt auf- und abbauen, das Essen machen.« Im Team entstehe eine Verbindlichkeit den anderen Teilnehmenden gegenüber. »Und auf dem Tandem kann man nicht weglaufen«, ergänzt Hillenbrand. Das sei manchmal auch eine Herausforderung.

Weil Hillenbrand weiß, wie wichtig Bewegungsangebote für psychisch erkrankte Menschen sind, ist es ihm ein Anliegen, für mehr Angebote zu werben: »Bei uns in der Klinik oder auch auf der MUT-TOUR gibt es einen geschützten Rahmen, in dem sich Menschen mit Einschränkungen trauen, Sport und Bewegung wahrzunehmen. Es braucht aber auch im ambulanten Bereich mehr Angebote des allgemeinen Sozialraums, die Betroffen offenstehen und Rücksicht auf ihre Bedürfnisse nehmen.« Viele Fitnessstudios oder Sportverein seien hier noch nicht genug dafür sensibilisiert. In Wesseling stoppt die Gruppe für eine Pause. Zeit für einen Snack und einen Abschied. Der eine Teil der Truppe fährt mit Martin Emmler vom ADFC zurück nach Bonn, die Tandems der MUT-TOUR fahren weiter Richtung Dormagen.

Gemeinsam war den Projekten SOUL LALA und der MUT-TOUR im Jahr 2020, dass aufgrund der Pandemie vieles nicht so funktioniert hat, wie es sollte. Man hat viel Zeit in den eigenen vier Wänden und in Videokonferenzen verbracht. An diesem Sonntag scheint das fast vergessen. Für beide Initiativen ist dieser Sommer der Auftakt zu mehr: Für mehr Tandemetappen der MUT-TOUR und für weitere inklusive Veranstaltungen in Berlin, Dresden, Kiel, München, Wiesbaden und Zemmer in der Eifel für das Projekt SOUL LALA. Dieser Sonntag macht Mut: Durch die Bewegung, die spannenden Gespräche und die Vernetzung unter den Akteuren.

 


Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Psychosozialen Umschau (Ausgabe 4/2021).

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