Die Freude über das Wirken des Sonnenwirbels in meinem Kopf

Die Freude über das Wirken des Sonnenwirbels in meinem Kopf

Verrückt. Unnormal. Durchgeknallt. Psycho. Was denkst du, wenn du solche Wörter hörst? Bestimmt nichts Gutes. Mitunter verwenden angepasste Menschen solche Ausdrücke, um Außenseiter in Kategorien wie »durchgedreht und gefährlich« oder »gescheitert« einzusortieren. Zweifelst du daran, dass man so denken könnte? Leider spiegeln solche Begriffe unsere Wirklichkeit.

Der Staat soll psychisch Kranke überwachen – das sieht ein neuer Gesetzesentwurf des Bundeslandes Bayern vor, wonach das Verlassen der Psychiatrie sogar der Polizei mitgeteilt werden würde. Patienten und Straftäter stünden für das Gesetz auf einer Ebene. Tatsächlich werden Gesunde ebenso häufig gewalttätig wie Betroffene psychischer Erkrankungen.

Ein Typ mit Rastalocken, der lautstark Selbstgespräche führt und den Briefkasten im Sommer mit Christbaumkugeln behängt, wird dann schnell zum »gemeingefährlichen Irren«, vor dem man die Gesellschaft schützen müsse. Unsicherheit. Angst. Hass. Vorverurteilung. So sieht oftmals die Kette aus, die selbst Politiker dazu bewegt, jemanden, nur weil er anders ist, als möglichen Verbrecher zu sehen.

Vielleicht fragst du dich gerade, was mir das Recht gibt, zu diesem Thema etwas Sinnvolles sagen zu dürfen. Nun, ich war zweimal akut an paranoider Schizophrenie erkrankt. Ich fühlte mich vom Geheimdienst verfolgt (was, wenn ich an das Vorhaben in Bayern denke, in Zukunft gar nicht so abwegig wäre), von der Mafia bedroht, ich glaubte sogar, ich sei Deutschlands Top-Agent auf geheimer Mission und könne Kugeln ausweichen. In jedem Blumenverkäufer sah ich einen Mafioso, der es auf mich abgesehen hatte.

Weißt du, wie vielen Menschen ich wehtat, als ich akut krank war? Keinem Einzigen. Das, was ich gerade aus meiner Vergangenheit erzählt habe, mag für dich schwer zu verstehen sein. Medizinisch gesehen hatte mein Körper zu viel von einem Botenstoff transportiert, wodurch ich meine Umwelt anders erlebte. Heute nehme ich Medikamente, und ich kann klar und reflektiert denken. Mich unterscheidet von Vielen, dass ich wenig Stress vertrage und Rente wegen voller Erwerbsminderung beziehe.

Was ist noch an mir anders? Ich bin oft euphorisch, durchlebe mitunter schwere Erschöpfungszustände, schreibe Geschichten, Blogbeiträge, Gedichte und erlaube mir, über das Leben und meine Träume beliebig und frei zu denken. Ich besitze viel Zeit, um fantasievoll zu sein. Seit ich kreativ schreibe, zieht ein Sonnenwirbel in meinem Kopf wohltuend Kreise, und im Gegensatz zu früher sucht er mich nicht nur in meinen Träumen auf, sondern auch in der Wirklichkeit. Auf YouTube findest du eine erfundene Geschichte über einen durchgedrehten Typen, der akut schizophren ist: https://www.youtube.com/watch?v=YZIjxv1RnvU&t=50s

Was veranstaltet mein Sonnenwirbel? Ich habe z. B. eine Pizza Speziale mit einem Zauberspruch bestellt, Socken unbeabsichtigt zu Hause in der Einfahrt verloren und Essen mit meinen Kurzgeschichten bezahlt. Eine Fingerpuppe sagt mir lauter Dinge, die ich nicht hören will, und ich habe im letzten Herbst Löwenzahn gepflückt, um besonderen Kaffee zuzubereiten.

Ich bin verrückt und deswegen nützlich. Ich habe Vorträge zum Thema Inklusion und über meine Krankengeschichte gehalten und einige Jahre eine Selbsthilfegruppe moderiert. Mit Einfühlungsvermögen, frechen Perspektiven, Verrücktheiten und Texten, die ich schreibe, mache ich die Welt ein wenig bunter und besser. Meinen Sonnenwirbel trage ich mit Stolz und Freude.

Sebastian Domke ist Schriftsteller und kreativer Kopf mit eigener Website unter http://tintenkuenstler.de.
Außerdem findet ihr ihn auf Facebook, Instagram und YouTube.