“Den inneren Kritiker auf stumm schalten” – Unser Schreibworkshop in Wiesbaden

“Den inneren Kritiker auf stumm schalten” – Unser Schreibworkshop in Wiesbaden

Der Anfang ist oft das Schwierigste, so auch beim Schreiben. Wie man einfach loslegen und seiner Kreativität freien Lauf lassen kann, hat Autor Sebastian Domke in zwei Workshops den Jugendlichen in der Tagesstätte Vivo der Werkgemeinschaft e. V. in Wiesbaden gezeigt. Die Teilnehmenden, aus denen die teils lustigen, teils postapokalyptischen, aber immer kreativen Geschichten nur so heraussprudelten, fanden es “Super!”. Hier beschreibt Sebastian seine Eindrücke nach dem zweiten Workshop im Februar.

Die Ankunft in Wiesbaden.

Am 13.02. hielt ich meinen zweiten Schreibworkshop. Noch im Zug nach Wiesbaden war ich von Aufregung erfüllt. Das lag nicht daran, dass ich Angst hatte – nein, seit dem tollen ersten Workshop in der Tagesstätte Vivo verspürte ich nichts als Vorfreude. Was für Geschichten würden wir wohl diesmal schreiben?

Wegen Bauarbeiten in einem Nebengebäude zogen wir in einen Werkraum um, einen Raum, in dem wertvolle Mosaikkunstwerke geschaffen wurden – eine inspirierende Voraussetzung für unsere schreibende Runde.

Zum Aufwärmen verfassten wir Rundgeschichten. Das funktioniert so: Zettel werden verteilt, jeder schreibt einen Satz auf und gibt das Papier an die Person, die zur linken sitzt. Diese setzte die Geschichte mit einem Satz fort. Dies wiederholten wir so lange, bis jeder sein Zettel wieder vor sich hatte – mit einer Geschichte drauf, die sich in der Runde um den Tisch verselbstständigt und oft verrückte Wendungen genommen hatte.

Erneut war ich von der Fantasie der jungen Leute beeindruckt.

Wenn schreibende Gedanken sich verbinden, kann es schön bunt werden.

Wir lasen uns die Erzählungen vor und erfreuten uns an den vielfältigen Gedanken.

Dann verteilte ich drei Bilder, die zum Träumen und Rumspinnen anstifteten. Die jungen Schreiberlinge bat ich, Zweierteams zu bilden, um den Kampf Gut gegen Böse, abwechselnd, Satz für Satz auszufechten – auf Grundlage des Bildes, das die Teams ausgewählt hatten.

Die Teilnehmenden beim kreativen Schreiben.

Die Texte waren voller Leidenschaft, Einfallsreichtum und spannender Konflikte. Die Teilnehmenden lasen ihre Texte vor, und jeder, der wollte, durfte Feedback äußern.

Wie beim ersten Workshop hatten wir unsere Kritiker verbannt und uns mit ehrlich gemeinten positiven Eindrücken ausgetauscht. Erst wenn nach dem Schreiben die Überarbeitung ansteht, ist der Kritker ein gefragter Gast, fantasievolles Lernen gedeiht am besten in einer Wohlfühlatmosphäre. Ich habe schon öfter gehört, dass ehemalige Schüler berichteten, wie der strukturierte Deutschunterricht ihnen die Freude nahm, Geschichten zu schreiben.

Dem wollte ich etwas entgegensetzen, also hatte ich einen Text geschrieben und der Gruppe vorgelesen. Ich möchte ihn auch euch, liebe Leser*innen nicht vorenthalten, weil dies meine tiefste Überzeugung ist, und, weil ich hoffe, dass er bei euch die eine oder andere Schreibhemmung auflöst:

Überwindung von Schreibhemmungen
“Fehler im Ausdruck! Logischer Bruch! Thema verfehlt! Wer kennt solche Anmerkungen nicht aus der Schule? Hattet ihr im Klassenzimmer auch das Gefühl, eure Worte wie gedrillte Soldaten über das Papier jagen zu müssen? Ich möchte euch zu einer anderen Art des Schreibens ermutigen.
Vergesst Rechtschreibung. Vergesst Grammtik. Vergesst die Gitterstäbe um euch!
Nirgendwo seid ihr so frei wie auf dem Papier. Worte sind keine Sklaven. Worte sind Liebespaare, die sich immer wieder aufs Neue verführen, in fremde Wohnzimmer einbrechen, Sternenbilder erfinden, magische Wesen erschaffen, in Schlachten sterben und zur Welt kommen. Worte bringen etwas in uns zum Glühen, von dem wir nie zuvor gewusst haben.
Worte, frei und wild aufs Papier gegossen, schaffen Bilder und Blockbuster-Kopf-Kino, Worte färben unsere Seele und die Welt bunt. Der innere Kritiker zähmt uns, weil wir ein Leben lang gelernt haben, Fehler zu vermeiden.
Und noch was zu Fehlern. Fehler sind wichtig. Aus jedem Fehler lässt sich etwas lernen – und Schreiben und Leben ohne Fehler ist langweilig. Sprengt eure Fesseln und bringt das Papier unter eurem Stift oder die Tastatur unter euren Fingern zum Brennen. Überarbeitet und korrigiert eure Texte erst, nachdem ihr eure Geschichten erzählt habt.
Stellt euch vor, wie ihr als Adler euer bisheriges Leben im Käfig verbracht habt. Die Käfigtür öffnet sich, ängstlich tippelt ihr in die Freiheit, zum ersten Mal habt ihr genug Platz, um die Flügel auszubreiten. Und dann erhebt ihr euch in die Luft, erst zaghaft, dann immer schneller. Ihr fliegt über Ozeane, Inseln, Vulkane und Wälder – mit unbändiger Lebenslust.
Und dann beginnt ihr damit, ein Wort vor das andere zu setzen.”

 

Peter von SOUL LALA, Sebastian und Elisabeth von der Werkgemeinschaft (v.l.) beim ersten Workshop.

Wir plauderten in der zweiten Stunde darüber, wie man Charaktere erschafft, welche Fragen man ihnen stellen könnte, um sie kennenzulernen, und ich stellte das Drei-Akt-Modell vor. An einem Beispiel zeigte ich, wie es einer Geschichte als Gerüst dienen könnte.

Es hat mir gutgetan, wie toll alle mitgemacht haben.

Jetzt, einige Tage später, wird mir klar, dass meine ersten Schreibworkshops niemals in einer Katastrophe hätten enden können, und das sage ich nicht etwa wegen mir, nein, das sage ich wegen des herzlichen Miteinanders. Wenn man von so viel wunderbaren Menschen umgeben ist, dann kann es nur gut werden.

Schreibt, träumt und lest schön! Euer Sebastian

 

 


Sebastian Domke ist Schriftsteller und kreativer Kopf mit eigener Website unter http://tintenkuenstler.de. Außerdem findet ihr ihn auf Facebook, Instagram und YouTube. Über seine Erfahrungen und Gedanken schreibt er regelmäßig im Blog von SOUL LALA.

 

(Fotos: Peter Heuchemer)

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