Community Content #2 – „Psychische Störungen als Konstruktion“ von Vienna S.

Community Content #2 – „Psychische Störungen als Konstruktion“ von Vienna S.

Unser nächster Community Content kommt von Vienna S. Ihr findet die 25 Jahre alte und Sozialarbeiterin B.A. auf Instagram unter @Kaffee.und.tratsch


 

„Alle 18 Minuten unterbrechen wir, was wir gerade tun, um über so ein kleines leuchtendes Gerät zu wischen. Noch vor wenigen Jahren wäre das eine Verhaltensstörung gewesen.“

– Psychologe Dr. Leon Windscheid in seinem Bühnenprogramm „Altes Hirn – Neue Welt. Psychologie live“

 

Wie das Zitat aus Dr. Leon Windscheids Bühnenprogramm zeigt: Auch psychische Störungen unterliegen einem sozialen Wandel. Ich möchte in diesem Artikel noch weiter gehen und behaupten, dass psychische Krankheit oder Gesundheit sozial konstruiert sind.   

Ich möchte zuerst kurz erklären, was ich damit meine, wenn ich von einer sozialen Konstruktion rede: Im Alltag gehen wir davon aus, dass jeder Mensch die Welt gleich wahrnimmt und sieht. Wir denken, dass es eine objektive Welt gibt und, dass die Person neben uns die Welt genauso sieht, wie wir sie sehen. Dass hierbei aber auch die menschliche Wahrnehmung, Erfahrungen und Emotionen eine Rolle spielen, lassen wir meist außer Acht. Sozialer Konstruktivismus geht noch ein bisschen weiter: Sozialer Konstruktivismus geht davon aus, dass es eine objektive Wirklichkeit nicht gibt. Die Wahrheit und Tatsachen werden von der Gesellschaft gemacht.   

Gesund oder krank? Wer entscheidet, wann wir gesund und wann wir krank sind? Klar ist, dass es medizinische Diagnosen gibt, und dass es Leitfäden gibt, nach denen ein Arzt entscheiden kann, ob ich an einer psychischen Störung leide oder eben nicht.  Klar ist aber auch, dass die Frage nach Krankheit und Gesundheit heutzutage nicht mehr als schwarz oder weiß betrachtet wird. Wir pendeln alle ständig zwischen den zwei Polen „Gesundheit“ und „Krankheit“ hin und her. Mal tendieren wir eher zum gesünderen Pol, mal tendieren wir eher zum kranken Pol. Wichtig hierbei ist und bleibt das Verständnis, dass wir nicht „krank“ oder „gesund“ sind. Wir erfreuen uns körperlicher und/oder mentaler Gesundheit oder wir haben eine Erkrankung. Die Erkrankung definiert jedoch nicht uns als Person!  

Zurück zum eigentlichen Thema: Die Begriffe Krank oder Gesund können also nicht unseren Gesamtzustand beschreiben. Außerdem konstruieren wir als Teil der Gesellschaft unsere Wirklichkeit. Okay, was heißt das jetzt bezogen auf das Thema psychische Gesundheit? Das heißt, wie Dr. Leon Windscheid mit Hilfe seines Beispiels so treffend ausgedrückt hatte:  Die Entscheidung, was als psychische Störung angesehen wir und, was als Normal durchgeht, liegt im Auge der Gesellschaft.   

Dr. Leon Windscheid erzählt, dass Forschungen ergeben haben, dass wir im Schnitt alle 18 Minuten unsere momentane Tätigkeit unterbrechen, um auf unser Handy zu schauen und uns unter Umständen mit dem Handy zu beschäftigen. Vor beispielsweise 12-15 Jahren gab es das Smartphone wie wir es heute kennen noch nicht, zumindest nicht in der Form, dass beinahe jeder ein solches besaß. Ich erinnere mich außerdem an die Zeit, in der Handies noch nicht mit sozialen Netzwerken kompatibel waren. Zu dieser Zeit wäre es mit hoher Wahrscheinlichkeit als Verhaltensstörung oder zumindest als Verhaltensauffälligkeit durchgegangen, alle 18 Minuten seine momentane Beschäftigung zu unterbrechen, und schon beinahe zwanghaft ein digitales Gerät zu bedienen.   

Ich gebe zu, das Beispiel ist überspitzt dargestellt. Es zeigt aber trotzdem gut, auf was ich hinaus möchte: Heute ist es völlig normal seine Arbeit zu unterbrechen und Instagram hoch- und wieder runterzuscrollen. Es ist völlig normal nach dem Aufstehen erst einmal diverse soziale Medien zu checken.   

Verhaltensauffälligkeiten und womöglich auch psychische Störungen unterliegen einem gesellschaftlichen Wandel. Das sieht man allein daran, dass Diagnosemanuale immer wieder überarbeitet werden und Störungen daraus entfernt werden bzw. neue Störungsbilder dazu aufgenommen werden.   

Ich möchte mit diesem Text nicht leugnen, dass es psychische Störungen gibt. Ich möchte nur davor warnen, im sozialen Kontext voreilige Schlüsse zu ziehen und Menschen als krank abzustempeln, weil sie sich nicht meinen Vorstellungen entsprechend verhalten.   

Nur, weil eine Person auf offener Straße, ohne für Außenstehende ersichtlichen Grund, schreit, heißt das nicht, dass sie psychisch krank ist. Nur, weil sich meine beste Freundin seit zwei Wochen nicht bei mir meldet und keine Lust hat mit mir jede Party abzuklappern, heißt das nicht, dass sie depressiv ist. Und nur, weil ich ab und an Stimmungsschwankungen habe, leide ich an keiner Persönlichkeitsstörung.   

Und auf der anderen Seite liegt es eben nicht in unserer Natur, ständig für alle Menschen erreichbar zu sein, alle 18 Minuten unsere Tätigkeit zu unterbrechen und einen flimmernden Bildschirm anzuschauen, dass ein solches Verhalten aber unter Umständen nicht „normal“ sein könnte, kommt uns in unserem momentanen Verständnis von Normalität nicht mehr in den Sinn.   

Vor 20 Jahren wurde die akute Stressreaktion als psychische Störung im ICD-10 aufgenommen, heute findet man sie in der aktuellen Auflage, dem ICD-11, nicht mehr. Die akute Stressreaktion wird nun, als normale Reaktion auf ein belastendes Ereignis angesehen.   

Andersherum wurde erst jetzt die Computerspielsucht in den ICD-11 aufgenommen. Vor 20 Jahren waren Computerspiele noch nicht so weit in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dass sich daraus eine Verhaltenssucht hätte entwickeln können. Diese Beispiele zeigen mir wieder einmal deutlich, wie sehr psychische Gesundheit von der Gesellschaft, in der wir leben, abhängt. Und, dass die Beurteilung was gesund und was krank ist letztendlich doch auch nur sozial konstruiert wird.   

 

Quellen: