Community Content #10 – „Good Damage“

Community Content #10 – „Good Damage“

In dieser vielschichtigen Introspektion aus Angehörigenperspektive thematisiert Mira das Bedürfnis, aus schlimmen Erfahrungen etwas künstlerisches erschaffen zu wollen- damit aus dem „Schaden“ ein „guter Schaden“ wird. 

Trigger- Warnung: Sucht, Familie, Trauma

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Im Verlauf eines Lebens können so viele Dinge passieren, die Narben hinterlassen. Ob auf der Haut oder auf der Seele, falls es so etwas gibt, ist ganz egal. Schmerz ist Schmerz. Und Verletzlichkeit ist Verletzlichkeit. Unschuld ist Unschuld. Moral ist, wenn man moralisch ist. Es bleibt nur die Frage, wie man damit umgeht. Was man aus seinem Leben macht, nachdem man Traumatisches erlebt hat. Und was man aus dem Traumatischen macht. 

Ich bin mit dem Glauben aufgewachsen, dass ich all jenes, was mir im Verlauf meines bisher kurzen Lebens passiert ist, zu etwas Besonderem machen muss. Zu Gründen, warum ich so bin, wie ich bin, und warum sich das nicht mehr ändern lässt. Zu Kunst. Zu Bildern, zu Gedichten. Irgendwas. Irgendwas, damit das alles nicht umsonst war. Damit es mein Leben irgendwie bereichert hat, mich zu einem besseren Menschen macht, mir Inspiration gibt, um Dinge zu erschaffen, die allen zeigen sollen, dass ich es nicht immer einfach hatte. Ich baue mir ein Denkmal, dafür, dass ich überlebt habe.  

Aber kann ich mich über das definieren, was passiert ist? Ich erwische mich so oft dabei, Ausreden zu suchen, Rechtfertigungen dafür, warum ich so oft zittere. Warum ich manchmal nicht weinen kann und warum manchmal Schweigen so viel einfacher ist. Meine Nägel graben sich tief in meine Haut, bis sie Abdrücke hinterlassen, aber nie tief genug. 

Und dabei ist alles doch gar nicht so schlimm. Heute geht es mir besser. Jetzt, wo ich weg bin. Alles ignorieren kann, was zu Hause auf mich wartet, in den hintersten Ecken meines Kinderzimmers. Ich habe es weiß gestrichen, als es vorbei war, und doch scheint die dunkle Farbe noch durch. Sie wird wohl nie ganz verschwinden.  

Niemand hat mir was angetan, mich verletzt in irgendeiner Weise. Mein Trauma ist kein Moment, eher ein Zustand, von Unsicherheit und Sorge und Beklemmung. Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. Ins Detail gehen darüber, dass mein Vater nicht so war, wie Väter hätten sein sollen. Dass er manchmal nicht aufstehen konnte, seine Tage verschlief, log, trank, schnarchte. Als ich ungefähr 10 war, habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Papa ging nicht mehr zur Arbeit, wie die Väter meiner Freundinnen. Er hat keine Ausflüge mehr mit uns gemacht. Oder uns vorgelesen. Oder unsere Theateraufführungen besucht. Irgendwann sind wir dann auch nicht mehr, wie die anderen Kinder, in den Urlaub gefahren, in die Toskana oder nach Kroatien, nicht mal mehr an die Nordsee. Ich hatte nach den Ferien nie etwas zu erzählen. Ich konnte schlecht darüber reden, wie traurig Mama war und dass ich nicht verstand, warum mein Papa nicht mehr aus dem Haus ging. Und warum er nicht aufhörte zu trinken, als ich ihn darum bat. Ich hatte ihn doch so lieb und er mich doch auch. Immer, wenn er wusste, wie enttäuscht ich von ihm war, beteuerte er, wie stolz er doch auf mich ist. Auf meine guten Noten und was auch immer. So viel wusste er nicht über mich. Und ich glaube ihm, noch heute. Ich muss, denn es waren die letzten Worte, die ich je von ihm hören würde. 

Aber ich schweife ab. Mir hat es nie an Liebe gefehlt. Aber an Sicherheit. An Vertrauen. Heute kann ich keine großen Summen an Geld ausgeben, ohne das mir die Luft wegbleibt. Wenn ich Männer mit Veltins Flaschen in der Hand sehe, versetzt es mir einen Stich ins Herz. Wenn mich jemand anlügt, glaube ich dieser Person nie wieder. 

Ich war 16 als mein Vater starb. Das klingt wie der Beginn eines Teenie-Romans. Der tote Elternteil für die tiefgründige, traumatische Hintergrundgeschichte. Wenn ich ehrlich bin, wissen wir nicht genau, was passiert ist. Ich war die letzte Person, mit der er gesprochen hat. 

Sein Tod tat weniger weh als sein Leben. Das mag hart klingen, ist es auch, aber heute geht es mir besser. Weil es vorbei ist. Ab einem gewissen Punkt können Menschen einem nicht mehr Liebe geben, als sie einem Schmerzen zufügen. Ab einem gewissen Punkt ist einem das egal. Weil es nicht mehr anders geht.  

Ich habe erst spät verstanden, dass mein Vater krank war. Depressionen. Dass ich nichts hätte dagegen tun können, ich war ein Kind. Und dass meine Mutter alles getan hat, was in ihrer Macht stand. Wir hatten nicht die Kraft, ihn zu heilen. Alles wieder in Ordnung zu machen. Man kann niemanden dazu zwingen, wieder gesund zu werden. Ich glaube, er hat sich selbst aufgegeben. Viel früher als wir es getan haben.  

Trotzdem holt mich das schlechte Gewissen immer wieder ein. Es ist nie wirklich besser geworden, bis jetzt zumindest. Momente in meinem Alltag, Orte, Erinnerungen… sie sitzen tief in mir, in meiner Haut, in meinem Blut, in meiner DNA. Narben auf meiner Seele. Die dunkle Farbe unter der weißen Tapete.  

Mein Papa war da, physisch zumindest. Das Wohnzimmer gehörte ihm, er stand jeden Morgen auf dem Balkon, an die Brüstung gelehnt, und trank seinen Kaffee, schwarz. Er liebte Fußball und Bier. Er strich mein Zimmer dunkelgrün, meine Lieblingsfarbe. Er frühstückte nie. Glaube ich zumindest, so genau weiß ich das nicht mehr. Das ist alles, was bleibt. Und ich habe schon so viel vergessen.  

Und jetzt sitze ich hier und versuche wieder einmal aus meinem Trauma etwas zu machen. Etwas Verwertbares.  

Als Angehörige von Menschen, die an Krankheiten wie Depressionen oder Sucht leiden, kann man manchmal nicht mehr tun als zusehen. Das musste ich sehr jung lernen. Man muss darauf achten, dass man nicht selbst untergeht, in sich selbst ertrinkt. Zumindest war das in meinem Fall so. ich war 10, 11, 12… 16. Und ich frage mich, was das aus mir macht. Ich bin jetzt Halbwaise. Ich wusste nicht einmal, dass es diesen Begriff gibt.  

Kinder, deren Eltern an Depressionen leiden, haben eine um 50% erhöhte Wahrscheinlichkeit, selbst in ihrem Leben zu erkranken. Manchmal fällt es mir schwer, aufzustehen, zu essen, zu atmen. Manchmal lässt mich meine Angst verstummen. Und manchmal glaube ich, dass meine Zukunft in der Vergangenheit liegt und ich nichts dagegen tun kann.  

Mir hilft es darüber zu reden. Oder zu malen. Oder zu schreiben.